Eine stille bzw. niedriggradige Infektion an einer Hüftprothese ist tückisch: Sie zeigt sich oft nicht mit den klassischen, klaren Alarmzeichen wie hohem Fieber oder stark eitrigem Ausfluss. Gerade deshalb ist es wichtig, auf feine Veränderungen zu achten und einfache, praktische Tests zuhause durchzuführen, um frühzeitig Alarm zu schlagen und ärztliche Abklärung einzuleiten.

Warum Blutwerte nicht alles zeigen

Entzündungsmarker im Blut (CRP, BSG, Leukozyten) sind wichtige diagnostische Hilfsmittel — aber sie können normal oder nur leicht erhöht sein bei chronischen, niedriggradigen Infektionen. Deshalb verlasse ich mich nicht allein auf Laborwerte, sondern beobachte Symptome, Funktion und den Heilungsverlauf genau. Meine Erfahrung und die Gespräche mit Orthopäden haben gezeigt: das Gesamtkonzept zählt.

Frühe, unspezifische Symptome, auf die Sie achten sollten

Bei einer stillen Infektion treten oft subtile Zeichen auf. Achten Sie besonders auf:

  • Neu aufgetretener, zunehmender Dauerschmerz, besonders nachts oder in Ruhe – Schmerz, der nicht zum üblichen Rehaprozess passt.
  • Verändertes Gangbild: plötzliches Hinken, Unsicherheit, das Gefühl, die Prothese "sitzt nicht mehr"
  • Ständige Müdigkeit oder Leistungseinbruch, ohne andere Erklärung
  • Lokale Schwellung oder anhaltendes Spannungsgefühl in der Leiste oder am Oberschenkel
  • Wärmegefühl über dem Gelenk – auch wenn es nur leicht erhöht ist
  • Rötung oder erneute Ausscheidung an einer früher bereits geschlossenen Wunde bzw. das Auftreten eines Fistelgangs (sinus tract)
  • Nachlassende Beweglichkeit oder erhöhte Steifheit gegenüber dem früheren Zustand
  • Immer wiederkehrende leichte Temperaturerhöhungen (subfebril), die Sie sonst nicht hatten

Einfache Tests und Beobachtungen für zuhause

Diese Maßnahmen ersetzen keine ärztliche Untersuchung, helfen aber, Veränderungen systematisch zu dokumentieren und Ihrem Arzt klare Informationen zu liefern.

  • Tagebuch führen: Notieren Sie Schmerzstärke (z. B. 0–10), Zeitpunkt, was den Schmerz verbessert oder verschlechtert, Schlafqualität und Mobilitätsprobleme. Ein einfacher Schmerzkalender über 1–2 Wochen zeigt Muster.
  • Fotos machen: Täglich ein Foto der Haut über der Hüfte/Leiste und der Operationsnarbe aus gleichem Winkel. So sehen Sie subtile Rötungen oder Schwellungen besser.
  • Umfang messen: Messen Sie mit einem Maßband den Oberschenkelumfang an einer definierten Stelle (z. B. 10 cm unter dem Trochanter). Vergleichen Sie regelmäßig mit der Gegenseite.
  • Temperatur der Haut vergleichen: Fühlen Sie mit der Hand beide Hüftseiten; Wärmeunterschiede können auf Entzündung hinweisen. Für genauere Werte: ein Infrarot-Thermometer (für Stirn/Fläche) oder eine kontaktlose Hauttemperaturmessung kann Unterschiede dokumentieren.
  • Beweglichkeitstest (funktionell): Führen Sie täglich standardisierte Bewegungen durch und notieren Sie, ob und wie stark sie eingeschränkt sind: Sit-to-Stand (wie viele Wiederholungen in 30 Sekunden), Treppensteigen (Anzahl Stufen), Anziehen von Socke/Hose (falls möglich).
  • Timed Up and Go (TUG): Stehen Sie von einem Stuhl auf, gehen 3 Meter, drehen sich und setzen sich wieder – messen Sie die Zeit. Deutliche Verschlechterung gegenüber früheren Werten ist auffällig.
  • Palpationstest: Drücken Sie vorsichtig rund um die Narbe und Leiste: Lokalisierter Druckschmerz kann Hinweise geben. Achten Sie auf ausstrahlende Schmerzen.
  • Wundkontrolle: Achten Sie auf frisch auftretende Sekretion, Geruch, Verfärbung oder wiederkehrende Fistelgänge. Fotografieren Sie Auffälliges und bringen Sie die Bilder mit zum Arzt.

Tabellarischer Vergleich: Infektion vs. aseptische Probleme

Merkmal Infektion (niedriggradig möglich) Aseptische Lockerung / mechanische Probleme
Schmerzcharakter langsam zunehmend, oft nächtlich, in Ruhe stärker belastungsabhängig, bei Aktivität stärker
Rötung / Wärme möglich (auch leicht) meist nicht
Schwellung / Flüssigkeitsbildung häufiger selten
Systemische Symptome subfebrile Temperaturen, Müdigkeit meist keine
Reaktion auf Analgetika weniger zuverlässig oft besser unter Belastungsreduktion

Was Sie nicht zuhause tun sollten

Es ist wichtig, keine eigenmächtige Antibiotikabehandlung zu beginnen, keine Wundspülungen oder ähnliches ohne ärztliche Anweisung vorzunehmen und nicht zu versuchen, Abszesse selbst zu punktieren. Solche Maßnahmen können die Diagnose erschweren oder die Situation verschlimmern.

Wann dringend ärztliche Hilfe suchen

Suchen Sie umgehend einen Arzt auf, wenn eines der folgenden Zeichen auftritt:

  • starke Zunahme des Schmerzes innerhalb weniger Tage
  • neue, sichtbare Rötung, eitrige Absonderung oder ein offener Fistelgang
  • Fieber > 38 °C oder anhaltende subfebrile Temperaturen mit Verschlechterung
  • plötzliche Funktionsverschlechterung oder Unfähigkeit, das Bein zu belasten

Was Ihr Arzt wahrscheinlich als nächstes tun wird

Erwartungsgemäß folgen bildgebende Verfahren (Röntgen, ggf. CT oder MRT) und gezielte Laboruntersuchungen. Bei Verdacht auf Protheseninfektion ist die Gelenkpunktierung (Aspiration) unter sterilen Bedingungen sehr aussagekräftig — die gewonnene Flüssigkeit wird mikrobiologisch untersucht. Ultraschall kann zur Punktion helfen. Sollte man bei chronischer, niedriggradiger Infektion unsicher sein, kommen spezielle nuklearmedizinische Untersuchungen (z. B. SPECT/CT, FDG-PET) oder eine markierte Leukozytenszintigrafie in Frage.

Praktische Tipps bis zum Arzttermin

  • Führen Sie Ihr Symptom-Tagebuch und bringen Sie Fotos mit.
  • Tragen Sie weite Kleidung, die die Inspektion der Hüfte erlaubt.
  • Vermeiden Sie unnötige Belastung der betroffenen Seite, aber bleiben Sie mobil im Rahmen der Schmerzgrenze.
  • Wenn Schmerzmittel nötig sind, verwenden Sie sie gemäß Verordnung. Notieren Sie Wirkung und Nebenwirkungen.
  • Hygiene: sauber, trocken und keine Salben auf die Narbe ohne ärztliche Empfehlung.

Brands und Hilfsmittel

Einige Patienten protokollieren mit Apps (z. B. einfache Gesundheits-Apps oder Foto-Apps) den Heilungsverlauf; andere nutzen digitale Thermometer oder Infrarotgeräte zur Temperaturdokumentation. Produkte wie elastische Bandagen (z. B. von Bauerfeind) können kurzfristig Schwellungen lindern, aber vor Anwendung bei Verdacht auf Infektion ärztlichen Rat einholen.

Wenn Sie unsicher sind, besprechen Sie Ihre Beobachtungen offen mit dem Operateur oder in der orthopädischen Klinik. Bringen Sie stets Ihre OP-Berichte, Röntgenbilder (wenn vorhanden) und das Symptomprotokoll mit — das spart Zeit und beschleunigt die Diagnose.

Bei weiteren Fragen zu bestimmten Symptomen oder wenn Sie Hilfe beim Erstellen eines Beobachtungsbogens möchten, helfe ich gern beim Formatieren und Formulieren für Ihr nächstes Ärztetermin.